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Skript Auftaktwoche: „Kickoff – Handwerk ist lernbar

Skript Auftaktwoche: „Kickoff – Handwerk ist lernbar"

90-Minuten-Sitzung · vor Block 1 · Fortbildung Quereinsteiger Sek I/II


1. Überblick

Leitfrage Wie werde ich in einem Jahr eine handlungssichere Lehrkraft – warum verhalten sich Klassen so, wie sie sich verhalten – und wie funktioniert dieses Programm?
Kernquellen Lovell/Dowley, Einleitung (Bill-Rogers-Anekdote); Lemov, Teach Like a Champion 3.0, Kapitel 1 („Five Themes"); EEF Effective Professional Development (Programmdesign); Lemov et al., Practice Perfect (Übungslogik)
Funktion im Jahr Vertragsschluss und Grundlagenmodul in einem: gemeinsames Verständnis von Lernbarkeit, Übungskultur und psychologischer Sicherheit – plus die Deutungsbrille, auf die sich alle 35 Folgemodule beziehen. Baseline-Erhebung (Kompetenzmatrix W0). Hemmschwelle „laut üben" fällt am ersten Tag.
Lernziele Die TN können:
1. den Jahresaufbau und die drei Formate erklären,
2. das Prinzip „üben statt nur wissen" begründen,
3. die fünf mentalen Modelle in eigenen Worten erklären und eine reale Unterrichtssituation mit mindestens zwei davon deuten,
4. haben eine persönliche Zielvereinbarung und eine erste Mini-Übung absolviert.
Sitzungstyp Rahmung + Deutung + Erstkontakt mit dem Übungsformat. Einzige 90-Minuten-Sitzung des Jahres (sie liegt vor Unterrichtsbeginn, deshalb ist die Länge machbar) und einzige Sitzung ohne Retrieval-Starter – es gibt noch nichts abzurufen; das wird explizit gesagt und ab Woche 1 eingelöst.

Die fünf mentalen Modelle (Kurzform für alle Materialien):

  1. Gedächtnis: Arbeitsgedächtnis ist eng, Langzeitgedächtnis ist Macht.
  2. Gewohnheiten: Routinen beschleunigen Lernen und setzen Denkkapazität frei.
  3. Aufmerksamkeit: Was Schüler beachten, ist das, was sie lernen.
  4. Motivation ist sozial: Gruppennormen wirken stärker als Regeln.
  5. Unterrichten ist Beziehungsarbeit: Kompetenter Unterricht erzeugt Vertrauen – nicht umgekehrt.

2. Vorbereitung

Raum: Stuhlkreis oder U-Form für den Rahmungsteil; Tische am Rand für Schreibphasen; freie Fläche für die Mini-Übung. Anwesenheit der Schulleitung für Min. 0–5 organisieren (EEF: glaubwürdige Quelle, institutionelle Rückendeckung).

Material (Checkliste):

Moderations-Grundsatz: Diese Sitzung setzt den Ton für 35 Wochen. Alles, was hier passiert, muss die drei Versprechen einlösen: pünktlich & strukturiert (Vorbild), warm & wertschätzend (Sicherheit), übungsorientiert (Handwerk). Kein einziger Programmpunkt darf reine Verwaltungsansage sein. Und: Diese Sitzung modelliert selbst, was sie lehrt – der Meta-Kommentar („Merkt ihr, was ich gerade gemacht habe?") ist fester Bestandteil des Drehbuchs.

Zeitdisziplin: 90 Minuten sind viel und trotzdem knapp. Notfalls gekürzt wird die Blitz-Zuordnung (Phase 5) – nie der Perspektivwechsel (Phase 6) und nie die Mini-Übung (Phase 7).


3. Ablauf im Detail (90 Minuten)

Phase 0 · Eröffnung durch die Schulleitung (Minute 0–5)

Vorab mit der Schulleitung abgestimmte Kernbotschaften (der Moderation als Briefing mitgeben):

  1. Dieses Programm ist eine strategische Investition der Schule, keine Belehrung von Defizitären.
  2. Die Schule weiß, was Quereinsteiger mitbringen (Fachlichkeit, Berufserfahrung, Lebenserfahrung) – das Programm ergänzt das fehlende Handwerk, mehr nicht.
  3. Coaching und alles im Programm ist entwicklungs-, nicht beurteilungsbezogen. Nichts fließt in dienstliche Bewertungen. (Dieser Satz MUSS von der Schulleitung selbst kommen – von niemandem sonst ist er glaubwürdig.)

Phase 1 · Die Kernbotschaft: Handwerk ist lernbar (Minute 5–15)

Moderationstext (Vorschlag): „Ich fange mit einer Geschichte aus dem Buch an, mit dem wir viel arbeiten werden. Oliver Lovell, erfahrener Lehrer und Podcaster, beschreibt seine ersten Jahre so: Er glaubte lange, gegen Unterrichtsstörungen helfe nur zweierlei – Erfahrung oder ein von Natur aus lauter Bariton. Man hat es, oder man hat es nicht. Dann sah er Kollegen, die weder besonders laut noch besonders alt waren – und deren Klassen ruhig und konzentriert arbeiteten. Und er entdeckte: Diese Leute TATEN konkrete, beschreibbare, kopierbare Dinge. Kein Charisma. Techniken. Das ist die Gründungsidee dieses Jahres: Unterrichten ist ein Handwerk. Und Handwerk ist lernbar. Doug Lemov hat dafür hunderte Stunden Videomaterial von Lehrkräften analysiert, deren Klassen außergewöhnliche Ergebnisse erzielen – und das Ergebnis ist keine Liste von Persönlichkeitsmerkmalen, sondern eine Liste von Handlungen. Was eine Person tun kann, kann eine andere lernen. Was heißt das für euch? Drei Dinge, die ich euch heute verspreche – und drei, die ich von euch brauche. Meine drei Versprechen: Erstens, ihr bekommt kein Theorie-Studium, sondern jede Woche Werkzeug, das ihr am Montag benutzen könnt. Zweitens, die Reihenfolge ist für euch gebaut: Wir beginnen mit dem, was euch nachts wachhält – Klassenführung – und nicht mit Bildungstheorie. Drittens, hier wird niemand vorgeführt. Nie. Meine drei Bitten: Erstens – hier wird geübt. Laut, im Rollenspiel, mit Skript. Das fühlt sich die ersten zwei Male albern an. Das ist normal, es vergeht, und es ist der Grund, warum dieses Programm funktioniert: Verhalten ändert sich durch Probehandeln, nicht durch Einsicht. Kein Mensch hat Fahrradfahren aus einem Vortrag gelernt. Zweitens – ein kleiner Schritt pro Woche. Ihr werdet jede Woche EINEN konkreten Action Step mitnehmen. Nicht fünf. Wer fünf Dinge gleichzeitig ändert, ändert keins. Drittens – Ehrlichkeit. Wenn etwas nicht klappt, ist das hier der sicherste Ort der Schule, es zu sagen. Aus euren Pannen lernt die ganze Gruppe."

Folie dazu: Nur der Satz „Handwerk ist lernbar." – sonst nichts.

Phase 2 · Die Programm-Landkarte (Minute 15–25)

Landkarte austeilen. Führung durchs Jahr in Blöcken erzählen, nicht in Wochen aufzählen (5 Min.):

„Block 1, sieben Wochen: Klassenführung. Erst der Raum, dann die Kunst. Block 2: das Grundgerüst guten Erklärens und Übens – das am besten abgesicherte Wissen, das die Unterrichtsforschung hat. Block 3 beantwortet, WARUM das alles funktioniert: Wie Gedächtnis und Aufmerksamkeit wirklich arbeiten – danach seid ihr immun gegen die meisten Lernmythen. Block 4: Wie ihr in Echtzeit seht, was in 28 Köpfen passiert. Block 5: Motivation – nicht als Zauberei, sondern als System mit fünf Stellschrauben. Block 6: Wie ihr all das mit vertretbarem Zeitaufwand plant und euch danach selbst weiterentwickelt. Dazwischen: fünf gemeinsame Hospitationen, drei Meilenstein-Gespräche, und am Ende zeigt ihr im Kolloquium zwei Videos – eines aus Woche 1, eines aus Woche 34. Der Unterschied zwischen diesen Videos ist das Zeugnis dieses Jahres."

Dann die drei Formate und ihr Zusammenspiel (5 Min., Folie mit Dreieck Input–Coaching–Hospitation):

„Der Wocheninput gibt euch die Technik und die erste Übung. Der Action Step trägt sie in eure Klasse. Das Coaching schaut genau darauf – nicht auf alles, nur auf diesen einen Schritt – und hilft beim nächsten. Die Hospitationen kalibrieren euren Anspruch: Ihr müsst gesehen haben, wie ruhig eine Klasse arbeiten KANN, um es für eure anzustreben. Wichtig zum Coaching: Euer Coach ist euer Verbündeter mit Schweigepflicht Richtung Schulleitung. Und zur Kamera: In Woche 1 nehmen wir 15 Minuten eures Unterrichts auf. Dieses Video schaut sich zunächst NIEMAND an – auch ihr nicht. Es wird versiegelt und erst in Woche 7 und Woche 35 geöffnet. Es ist euer Vorher-Bild. Ihr werdet es lieben – in Woche 35."

Einverständnisse + Coaching-Slots einsammeln/eintragen (2 Min., parallel zur Überleitung).

Phase 3 · Kompetenzmatrix: das Vorher-Bild in Zahlen (Minute 25–35)

„Bevor wir denken und üben: eine ehrliche Selbsteinschätzung. Acht Felder, vier Stufen, keine Schulnoten, niemand sieht sie außer euch und eurem Coach. Zwei Regeln: Erstens, Stufe 1 heißt nicht ‚schlecht', sondern ‚am Anfang' – wo sonst solltet ihr nach drei Wochen stehen? Zweitens, kreuzt nach der letzten realen Woche an, nicht nach eurem besten Tag. Wir wiederholen das vollständig in Woche 19 und Woche 35 – zwischendurch aktualisieren wir an den Meilensteinen einzelne Felder – und ich verspreche euch: Der Blick zurück auf diesen Bogen wird einer der schönsten Momente des Jahres."

Stille Einzelarbeit (7 Min.), Bogen wird NICHT besprochen (nur Coach-Kopie). Wer früher fertig ist, liest die Landkarte.

Phase 4 · Die fünf mentalen Modelle (Minute 35–57)

4a · Das Rätsel (Min. 35–38)

Dramaturgie: Nicht mit Theorie starten, sondern mit einem Rätsel aus dem Alltag der TN.

Moderationstext: „Jetzt wechseln wir den Modus. Ihr unterrichtet in wenigen Tagen zum ersten Mal – oder seit ein paar Tagen. Ich wette, mindestens eine dieser drei Situationen werdet ihr sehr bald erleben (oder kennt sie schon): Erstens: Ihr erklärt etwas – gründlich, korrekt, mit Beispiel. Am nächsten Tag ist es weg. Komplett. Zweitens: Dieselbe Klasse, die bei Kollegin M. leise arbeitet, tanzt euch auf der Nase herum. Drittens: Ein einzelner Schüler ist im Einzelgespräch umgänglich und klug – vor der Klasse spielt er den Clown. Ihr bekommt jetzt die Brille, mit der diese drei Rätsel keine Rätsel mehr sind. Fünf Denk-Modelle, aus Kapitel 1 des Buchs, mit dem wir dieses Jahr viel arbeiten werden. Alles, was wir in den nächsten 35 Wochen trainieren, ist eine Antwort auf eines dieser fünf Modelle."

4b · Die fünf Modelle (Min. 38–57)

Format: Pro Modell ~3–4 Minuten nach festem Muster: Alltagsbeispiel → Prinzip → „Was folgt daraus?" – nie umgekehrt. Handout A wird ERST DANACH verteilt (Aufmerksamkeit auf die Moderation, nicht aufs Blatt – Meta-Kommentar am Ende der Phase).

Modell 1: Gedächtnis (Min. 38–42)

„Selbstversuch: Ich sage euch gleich eine Telefonnummer und danach sollt ihr sie rückwärts aufsagen: 0-1-7-6-4-4-9-2-3-1-8. Wer schafft's? [scheitern lassen, lachen lassen] Und jetzt: Sagt mir euer eigenes Geburtsdatum rückwärts. [alle können es] Der Unterschied? Das eine musste im Arbeitsgedächtnis jongliert werden – das hat ungefähr vier bis sieben Plätze, mehr nicht. Das andere liegt im Langzeitgedächtnis und kostet fast nichts. Das ist das erste Modell: Das Arbeitsgedächtnis ist der Flaschenhals allen Lernens. Alles Neue muss da durch. Wenn ihr erklärt und gleichzeitig sollen die Schüler mitschreiben und das Arbeitsblatt suchen und die Vokabel von gestern erinnern – dann ist der Flaschenhals verstopft, und es kommt nichts im Langzeitgedächtnis an. Und: 'Gelernt' heißt NUR 'im Langzeitgedächtnis angekommen'. Rätsel Nummer eins – 'gestern konnten sie es noch' – ist damit gelöst: Es war nie im Langzeitgedächtnis. Es war nur kurz im Arbeitsgedächtnis zu Besuch."

Folie: Schema Arbeitsgedächtnis (kleiner Trichter) → Langzeitgedächtnis (großes Netz). Keine weiteren Wörter.

Modell 2: Gewohnheiten (Min. 42–45)

„Frage: Was habt ihr heute Morgen beim Zähneputzen gedacht? … Eben. Irgendwas anderes. Die Routine lief von allein und euer Denken war frei. Genau das ist die Funktion von Routinen im Klassenzimmer: Wenn 'Wie beginne ich die Stunde, wo kommt mein Heft hin, was tue ich, wenn ich fertig bin' automatisch läuft, ist das Arbeitsgedächtnis – Modell 1! – frei für den Inhalt. Routinen sind keine Dressur. Sie sind Denk-Befreiung. Unsere Begrüßungsroutine – alle stehen auf, Gruß, Setzen – ist so eine Routine: eine klare Zäsur, die jedem Gehirn im Raum sagt: Jetzt beginnt etwas anderes. Ob sie diese Funktion erfüllt, hängt aber davon ab, WIE sie durchgeführt wird. Dazu in Woche 2 mehr."

Modell 3: Aufmerksamkeit (Min. 45–48)

„Drittes Modell, und es klingt banal, ist aber radikal: Gelernt wird, was beachtet wird. Punkt. Nicht, was ihr gesagt habt. Nicht, was auf der Folie stand. Sondern das, worüber die Schülerin in diesem Moment nachgedacht hat. Wenn eure Erklärung brillant war, aber ihre Aufmerksamkeit beim Handy unterm Tisch – dann hat sie etwas über ihr Handy gelernt. Wenn euer Unterrichtseinstieg ein spektakuläres Explosionsvideo war, erinnern sie die Explosion – nicht die Reaktionsgleichung. Konsequenz für uns: Aufmerksamkeit ist die Währung des Klassenzimmers, und wir müssen sie aktiv lenken – nicht hoffen, dass sie schon richtig liegt."

Modell 4: Motivation ist sozial (Min. 48–52)

„Rätsel zwei von vorhin: Warum arbeitet dieselbe Klasse bei Kollegin M. still und bei euch nicht? Die bequeme Antwort wäre: Frau M. ist eben eine Autoritätsperson, ich nicht. Die richtige Antwort: In Frau M.s Stunde herrscht eine andere Norm. Menschen – und Jugendliche hoch drei – tun, was die Gruppe tut. Meist unbewusst. Der Schüler, der bei euch reinruft, trifft keine Entscheidung gegen euch; er folgt der Norm 'hier ruft man rein'. Normen sind mächtiger als jede Regel auf dem Papier – und das Tückische: Sie sind unsichtbar, und sie entstehen IMMER. Die einzige Frage ist, ob absichtlich oder zufällig. Rätsel drei – der Klassenclown – gehört auch hierher: Vor der Gruppe gelten Gruppengesetze. Es ist fast nie persönlich. Das zu wissen, ist emotional die vielleicht wichtigste Entlastung eures ersten Jahres."

Modell 5: Unterrichten ist Beziehungsarbeit (Min. 52–55)

„Letztes Modell, und hier räumen wir mit einem Mythos auf, den viele von uns mitbringen: 'Erst muss ich eine Beziehung zu den Schülern aufbauen, DANN kann ich Anforderungen stellen.' Klingt plausibel, ist aber falsch herum. Lemov zeigt an hunderten Stunden herausragender Lehrkräfte: Vertrauen entsteht durch gelingenden Unterricht. Schüler vertrauen Lehrkräften, bei denen sie merken: Hier ist Ordnung, hier lerne ich, hier werde ich gesehen, hier kann ich erfolgreich sein. Die Beziehung ist nicht die Vorbedingung guten Unterrichts – sie ist sein Ergebnis. Das ist eine gute Nachricht für euch: Ihr müsst nicht erst 'der coole Lehrer' werden. Ihr müsst gut unterrichten – die Beziehung kommt mit."

Abschluss-Meta-Kommentar (Min. 55–57):

„Bevor wir weitermachen, kurz Meta: Ich habe jedes Modell mit einem Beispiel begonnen und erst dann den Merksatz gebracht – nie umgekehrt. Und ihr bekommt das Handout erst JETZT [Handout A austeilen], nicht vorher – sonst hättet ihr gelesen statt zugehört: Modell 3, Aufmerksamkeit. Merkt euch das Gefühl. Ihr erlebt dieses Jahr jede Technik zweimal: einmal als Lernende, einmal als Lehrende."

Phase 5 · Name it: Blitz-Zuordnung (Minute 57–62)

Plenum, hohes Tempo: Moderation liest 8 Mini-Situationen vor (je 1 Satz), TN rufen die Modellnummer per Fingerzeichen (1–5). Bei Uneinigkeit: 20 Sekunden Murmelrunde, dann Auflösung. Mehrfachzuordnungen sind erlaubt und erwünscht – die Diskussion darüber IST das Lernen.

Die 8 Situationen (mit Auflösung für die Moderation):

  1. „Die Klasse braucht jeden Montag 10 Minuten, bis alle Material haben." → 2 (fehlende Routine), auch 3
  2. „Nach dem lustigen YouTube-Einstieg können alle das Video nacherzählen, aber niemand die Fachfrage beantworten." → 3, auch 1
  3. „In Klasse 8b traut sich niemand, eine Frage zu stellen." → 4 (Norm), auch 5
  4. „Die SuS verwechseln die neuen Fachbegriffe, die ich alle in einer Stunde eingeführt habe." → 1 (Überlastung)
  5. „Seit die Stunden strukturiert laufen, kommt Leon freiwillig zu mir und fragt nach Zusatzaufgaben." → 5, auch 4
  6. „Bei der Vertretungslehrkraft bricht in derselben Klasse Chaos aus." → 2 + 4 (Routinen sind personengebunden, bis sie Norm sind)
  7. „Ich habe die Hausaufgabe dreimal angesagt, trotzdem wussten viele nichts davon." → 3 (Ansage ≠ Aufmerksamkeit), auch 1
  8. „Zwei Schülerinnen, die einzeln freundlich sind, schaukeln sich gegenseitig hoch." → 4

Phase 6 · Perspektivwechsel im Tandem (Minute 62–70)

Partnerarbeit (das sind zugleich die Tandems fürs Jahr – Bildung erfolgt hier, Bestätigung in Phase 8):

„Jetzt wird es persönlich – im guten Sinn. Denkt an EINE Situation aus eurem bisherigen Kontakt mit Klassen, die euch geärgert, verunsichert oder verletzt hat – aus dem Praktikum, der Vertretung, den ersten Tagen. Erzählt sie eurem Partner in maximal 90 Sekunden. Der Partner hat dann eine einzige Aufgabe: Er deutet die Situation NEU – durch eines der fünf Modelle. Nicht trösten, nicht Ratschläge geben. Nur umdeuten: 'Durch die Brille von Modell 4 gesehen, war das vermutlich…'. Dann Wechsel."

Je 3 Min. pro Richtung, 2 Min. Einsammeln: 2–3 Freiwillige teilen ihren Perspektivwechsel in einem Satz.

Warum diese Übung: Der emotionale Perspektivwechsel („Es war nicht persönlich, es war eine Norm / ein überlastetes Arbeitsgedächtnis") ist der wichtigste Wellbeing-Schutz für Quereinsteiger im ersten Jahr – und er verankert die Modelle affektiv, nicht nur kognitiv. Diese Phase wird nicht gekürzt.

Phase 7 · Mini-Übung: Die erste halbe Minute (Minute 70–82)

„Jetzt brechen wir das Eis, von dem ich sprach. Eure erste Übung – bewusst klein: die ersten 30 Sekunden eurer Stunde. An unserer Schule gibt es das Ritual: Die Klasse ist im Raum, ihr kommt herein, alle stehen auf, Begrüßung, Setzen. Wir skripten jetzt genau diese halbe Minute – euren Wortlaut, euren Weg zum festen Punkt, euren Gruß, euer Setz-Signal und den ersten Satz danach. In Woche 2 bauen wir das zur vollen Routine aus; heute geht es nur darum, es einmal LAUT getan zu haben."

Ablauf:

  1. 4 Min. Einzelarbeit: Skript auf Karte (Vorlage: Weg/Position → Warten worauf? → Gruß-Wortlaut → Setz-Signal → erster Satz).
  2. 6 Min. Tandems: jeder spielt 2×, Partner gibt Feedback nach der Regel, die ab jetzt IMMER gilt: „Zuerst: Was war wirksam – konkret? Dann: EIN Impuls. Dann sofort noch einmal spielen."
  3. 2 Min. Blitzlicht: „Wie hat sich das angefühlt? … Merkt euch: Das Albernheitsgefühl von heute ist in Woche 3 komplett weg. Versprochen."

Phase 8 · Zielvereinbarung, Tandems & Action Step (Minute 82–88)

Formular (Anhang 3) ausfüllen: ein Jahresziel (persönlich formuliert), zwei Sorgen (ehrlich), ein Satz „Woran merke ich im Juni, dass sich das Jahr gelohnt hat?". Kopie an Coach. Tandems für das Jahr verbindlich festlegen (Rollenspiel-, Peer-Feedback- und später Peer-Hospitations-Partner).

Handout C austeilen. Der Action Step dieser Woche ist bewusst ein Beobachtungsauftrag – erst sehen lernen, ab Woche 1 handeln:

Standard-Action-Step: „Ich wähle EINE Klasse. In drei Stunden dieser Woche beobachte ich gezielt die ersten 5 Minuten:

  • Worauf richtet sich die Aufmerksamkeit der Schüler tatsächlich – und was habe ich dafür getan oder nicht getan?
  • Wie läuft unsere Begrüßungsroutine wirklich ab: Stehen alle? Ist es still, bevor ich grüße?

Ich notiere direkt nach der Stunde je 2–3 Stichpunkte auf dem Bogen."

Alternativen (mit Coach abstimmen):

  1. Für TN mit akutem Klassenführungsdruck: „Ich führe ab Tag 1 unsere Begrüßungsroutine bewusst und vollständig durch: Ich warte auf 100 % Stehen und Stille, bevor ich grüße – jede Stunde, ohne Ausnahme." (Vorgriff auf Woche 2.)
  2. Norm-Beobachtung: „Ich identifiziere in Klasse X die drei stärksten ungeschriebenen Normen – erwünschte wie unerwünschte."

Jeder trägt den gewählten Action Step schriftlich ins Formular ein (Selbstverpflichtung + Kopie an Coach).

Ausblick: „Nächste Woche wird es handfest: Wie macht man Erwartungen so konkret, dass Schüler sie erfüllen KÖNNEN? Bringt bitte eure Beobachtungsbögen mit – wir starten damit. Und ab nächster Woche beginnt jede Sitzung mit einem kleinen Quiz über die Vorwochen – heute war die einzige quizfreie Sitzung eures Jahres. Genießt es." [Lacher einplanen – und im Ernst: die Ankündigung nimmt dem ersten Quiz die Überraschung und macht es zur fairen Norm.]

Phase 9 · Exit-Karte (Minute 88–90)

Ab heute Standard:

  1. Das leuchtet mir am meisten ein / das nehme ich mit: …
  2. Da bin ich skeptisch / das macht mir noch Sorge: …

Abgabe beim Rausgehen. Die Skepsis- und Sorgen-Karten sind Gold: Sie liefern die echten Fehlvorstellungen der Kohorte, fließen anonymisiert in die Coaching-Planung und liefern Quiz-Distraktoren.


4. Coaching-Woche 0 (Handreichung für Coaches)


Anhang 1: Folienplan (16 Folien)

  1. Titel + heutige Stationen · 2. „Handwerk ist lernbar." · 3. Foto/Symbol Bill-Rogers-Anekdote · 4. Drei Versprechen (Stichworte) · 5. Drei Bitten (Stichworte) · 6. Jahreskreis (= Landkarte) · 7. Dreieck Input–Coaching–Hospitation · 8. „Das Video wird versiegelt bis Woche 7/35" · 9. Kompetenzmatrix-Auftrag · 10. Die drei Rätsel · 11. Schema Arbeitsgedächtnis → Langzeitgedächtnis · 12. „Routinen sind Denk-Befreiung." · 13. „Gelernt wird, was beachtet wird." · 14. „Normen schlagen Regeln." · 15. „Beziehung ist das Ergebnis guten Unterrichts, nicht seine Vorbedingung." · 16. Übungsauftrag Mini-Skript (5 Schritte) + Exit-Karte-Auftrag.

Anhang 2: Kompetenzmatrix (8 Felder × 4 Stufen)

Anleitung: pro Feld die Stufe ankreuzen, die den NORMALFALL der letzten Woche beschreibt. Wird vollständig identisch in W19 und W35 erhoben (Teil-Updates an den Meilensteinen W7/W13/W25/W30); SPA rendert die drei Vollerhebungen als Spinnennetz W0/W19/W35.

Stufenlogik (für alle Felder): Stufe 1 = „Ich reagiere situativ, es fühlt sich zufällig an" · Stufe 2 = „Ich habe ein Vorgehen, muss aktiv daran denken" · Stufe 3 = „Läuft in Standardsituationen stabil, kippt unter Druck" · Stufe 4 = „Läuft automatisch, ich kann situativ anpassen".

Feld Leitfrage zur Selbsteinschätzung
1. Routinen & Stundenstart Beginnen meine Stunden verlässlich strukturiert (Begrüßungsritual sauber, Starter läuft, <60 Sek. bis alle arbeiten)?
2. Anweisungen & Aufmerksamkeit Bekomme ich die Klasse zuverlässig still, und kommen meine Arbeitsanweisungen beim ersten Mal an?
3. Intervention & Präsenz Reagiere ich auf Störungen ruhig, abgestuft und ohne den Unterricht zu unterbrechen?
4. Erklären & Modellieren Kann ich Neues in kleinen Schritten, mit Beispielen und hörbarem Denken so erklären, dass Schüler ohne Vorkenntnisse folgen?
5. Übungsphasen führen Leite ich Übungsphasen klar ein und weiß ich währenddessen, wer wo steht?
6. Verstehen prüfen Habe ich pro Stunde belastbare Daten über den Lernstand ALLER (nicht nur der Melder)?
7. Beteiligung & Fragenkultur Denken bei meinen Fragen alle mit – und bleibt niemand dauerhaft unsichtbar?
8. Planung & Arbeitsökonomie Plane ich zielgerichtet in vertretbarer Zeit, und überlebe ich Korrekturphasen?

Anhang 3: Zielvereinbarungs-Formular

Anhang 4: Fallbeispiele (Reserve & SPA-Material)

Die beiden Fälle waren früher Gruppenarbeit im Grundlagenmodul. Im 90-Minuten-Format sind sie Reservematerial: für Kohorten, die schneller sind als geplant, für das 1:1-Coaching bei TN mit akutem Deutungsbedarf – und als Kernbaustein der Onboarding-SPA (dort in Ruhe bearbeitbar).

Leitfragen zu beiden Fällen: 1. Welche Modelle erklären, was hier passiert? (mind. 2, mit Textbeleg) · 2. Was hat die Lehrkraft – bei bestem Willen – übersehen? · 3. Welcher EINE erste Ansatzpunkt hätte die größte Wirkung?

Fallbeispiel 1: „Die Doppelstunde Chemie" (Fokus: Modelle 1, 2, 3)

Herr B. unterrichtet eine 9. Klasse. Er hat die Doppelstunde sorgfältig geplant: ein spektakulärer Demonstrationsversuch zum Einstieg, danach die Herleitung der Reaktionsgleichung an der Tafel, dann ein Arbeitsblatt mit fünf Aufgaben. Der Versuch begeistert alle. Bei der Herleitung führt er in zwölf Minuten sieben neue Begriffe ein und schreibt parallel an die Tafel, während die Klasse mitschreiben soll. Beim Arbeitsblatt kommen sofort acht Meldungen: „Was sollen wir machen?" Am Ende der Stunde können die meisten den Versuch begeistert nacherzählen. Die Reaktionsgleichung kann niemand. In der Folgestunde beginnt Herr B. mit: „Also, das hatten wir doch letzte Woche schon."

Fallbeispiel 2: „Die 8c bei Frau K." (Fokus: Modelle 4, 5, 2)

Frau K. hat die 8c in Deutsch. Sie hat sich vorgenommen, es „anders zu machen als die Strengen": Sie duzt sich mit den Schülern, lässt Musik beim Arbeiten zu, verzichtet auf feste Abläufe („Das engt nur ein") und geht bei Ermahnungen bewusst locker vor. Nach sechs Wochen dauert der Stundenbeginn regelmäßig acht Minuten, drei Schüler rufen ständig rein, und als Frau K. das erste Mal deutlich wird, reagiert die Klasse empört: „Sie sind doch sonst auch nicht so." Im Einzelgespräch sind dieselben Schüler freundlich und einsichtig. Der Kollege, der die Klasse in Mathe unterrichtet, berichtet von einer ruhigen, arbeitsamen Gruppe.

Anhang 5: Beobachtungsbogen & Action-Step-Formular (Handout C)

Beobachtungsbogen „Erste 5 Minuten" (3 Stunden, eine Klasse):

Stunde 1 Stunde 2 Stunde 3
Datum / Klasse
Standen wirklich alle? (ja/teilweise/nein)
War es still, BEVOR ich gegrüßt habe?
Sekunden vom Setzen bis alle arbeiten
Worauf richtete sich die Aufmerksamkeit tatsächlich?
Was habe ich dafür getan / nicht getan?

Action-Step-Formular (Standard ab jetzt):

Anhang 6: Quiz-Material (für SPA / Woche 1)

Die Auftaktwoche hat selbst keinen Retrieval-Starter. Diese Fragen bilden den Retrieval-Starter der Woche 1 und den Quiz-Kern der Onboarding-SPA – Distraktoren stammen aus echten Fehlvorstellungen.

F1. Wodurch ändert sich Unterrichtsverhalten am zuverlässigsten? a) Einsicht durch gute Bücher ✗ · b) Berufserfahrung allein ✗ (verbreitetster Mythos) · c) gezieltes Üben mit Feedback ✓ · d) Persönlichkeitsreife ✗

F2. Nenne die fünf mentalen Modelle. (Gedächtnis / Gewohnheiten / Aufmerksamkeit / Motivation ist sozial / Unterrichten ist Beziehungsarbeit)

F3. „Gestern konnten sie es noch" ist vor allem ein Problem des… a) Fleißes ✗ · b) Langzeitgedächtnisses – der Inhalt kam nie dort an ✓ · c) Interesses ✗ · d) Elternhauses ✗

F4. Ergänze: Gelernt wird, was ___ wird. (beachtet)

F5. Was ist an dem Satz „Erst Beziehung, dann Anforderungen" falsch? (Die Richtung: Vertrauen entsteht durch gelingenden, geordneten Unterricht – die Beziehung ist Ergebnis, nicht Vorbedingung.)

F6. Warum sind Routinen keine Dressur? (Sie entlasten das Arbeitsgedächtnis – Modell 1 – und machen Denkkapazität für den Inhalt frei.)

F7 (Anwendung). Deine Klasse startet chaotisch – welche zwei Modelle erklären das am ehesten? (2 Gewohnheiten/Routinen, 4 Normen; auch 3 zulässig)

F8 (Anwendung). Ein Schüler ist einzeln umgänglich, vor der Klasse Clown. Welches Modell? (4 – vor der Gruppe gelten Gruppengesetze; es ist fast nie persönlich)

Anhang 7: Ableitung für die SPA „Modul 0 / Onboarding"

  1. Hook (2 Min.): Bill-Rogers-Anekdote als Kurzvideo/Illustrationsserie mit der Punchline „Kein Charisma. Techniken."
  2. Programm-Landkarte interaktiv (4 Min.): Jahreskreis, Blöcke antippbar mit je einem Satz + Leitfrage.
  3. Drei Versprechen / drei Bitten (3 Min.): als Karten-Flip; die „Üben-fühlt-sich-albern-an"-Karte mit Testimonial-Zitaten früherer Kohorten (ab Kohorte 2).
  4. Kompetenzmatrix digital (8 Min.): 8 Slider mit den Leitfragen aus Anhang 2; Speicherung als W0-Datenpunkt fürs Spinnennetz.
  5. Die fünf Modelle (10 Min.): je ein Screen nach dem Muster Alltagsbeispiel → Prinzip → „Was folgt daraus?"; interaktives Schaubild Arbeits-/Langzeitgedächtnis; Drag-&-Drop: die 8 Situationen aus Phase 5 den Modellen zuordnen.
  6. Fallanalyse (6 Min.): die beiden Fälle aus Anhang 4 mit geführten Leitfragen und Musterdeutung zum Aufklappen.
  7. Szenario-Quiz (4 Min.): Fragen aus Anhang 6 mit Fehlvorstellungs-Distraktoren; Reflexionsjournal-Eingabefeld für den Perspektivwechsel.
  8. Zielvereinbarung (5 Min.): Formularfelder aus Anhang 3; Export als „Commitment-Karte" (PDF/Bild).
  9. Abschluss-Screen = erster Action Step (Beobachtungsauftrag, Anhang 5) mit Erinnerungsfunktion. Ausblick-Screen: „Ab Modul 1 beginnt jedes Modul mit Abruf. Warum, erfährst du in Modul 17 – und spürst du ab Modul 1."