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Skript Woche 4: „Präsenz – Körper, Stimme, Register, Selbstregulation

Skript Woche 4: „Präsenz – Körper, Stimme, Register, Selbstregulation"

60-Minuten-Sitzung · Block 1 · Fortbildung Quereinsteiger Sek I/II


1. Überblick

Leitfrage Wie wirke ich ruhig und souverän – auch wenn ich es (noch) nicht bin – und wie klinge ich warm und unnachgiebig zugleich?
Kernquellen Lovell/Dowley, Prinzip 4 („Master your own behaviour") und Routine 3 (Selbstregulation); Lemov T57 (Strong Voice / Register), T62 (Emotional Constancy), T61 (Warm/Strict)
Funktion im Jahr Das „Instrument" der Lehrkraft selbst. Liefert die körperlich-stimmliche Grundlage, auf der Signal (W3) und Interventionsleiter (W5) erst wirken. Der Reset-Anker wird zum persönlichen Werkzeug für alle Eskalationssituationen (W29). Warm/Strict steht hier – und nicht bei der Sprachwoche W6 –, weil es genau genommen kein Wortschatz, sondern ein Registerwechsel ist: warmer Ton, formale Sache, in einem Satz. Erste Sitzung mit optionaler Selbst-Videoaufnahme – Vorübung für die Videoselbstanalyse in W7.
Lernziele Die TN können:
1. die vier Präsenz-Stellschrauben (Stand, Register, Wortzahl/Pausen, emotionale Konstanz) benennen und demonstrieren,
2. bewusst zwischen formalem und warmem Register wechseln,
3. Warmherzigkeit und Strenge im selben Satz ausdrücken (Warm/Strict als Registeranwendung),
4. haben einen persönlichen Reset-Anker für Stressmomente gebaut und dreimal durchgespielt.
Sitzungstyp Körper-Training. Ungewöhnlichste Sitzung des Blocks – die Moderation kündigt das an und rahmt es („heute arbeiten wir wie im Theater, aus gutem Grund").

2. Vorbereitung

Raum: Viel freie Fläche (Stühle an den Rand); Dreiergruppen-Inseln. Diskretion beachten: Körper- und Stimmübungen sind für manche TN heikler als jedes Rollenspiel – Gruppen dürfen sich Ecken suchen, niemand muss vor dem Plenum.

Material (Checkliste):


3. Ablauf im Detail (60 Minuten)

Phase 0 · Ankommen (Minute 0–2) — Standard.

Phase 1 · Retrieval-Starter (Minute 2–8) — 5 Fragen (Anhang 2, Teil 1).

Phase 2 · Brücke & Rahmung (Minute 8–12)

Moderationstext: „Kurz zur Signal-Woche: Wer hat sein Signal eingeführt – und wie war die Probe mit der Klasse? Zwei Stimmen." [2 Min.] „Heute wird es körperlich, und ich sage euch, warum. Ihr habt jetzt drei Wochen lang Wortlaute gelernt – aber jeder Wortlaut wird von einem Körper gesprochen. Derselbe Satz, einmal im Gehen genuschelt, einmal im Stand mit Pause davor, ist nicht derselbe Satz. Die unbequeme Nachricht zuerst: Eure Klasse liest euren Körper schneller als eure Worte. Die gute Nachricht sofort hinterher: Der Körper ist trainierbar. Souveränität ist zu einem erstaunlich großen Teil kein Charakterzug, sondern eine Sammlung von Verhaltensweisen – Stand, Stimme, Tempo, Pausen. Ihr müsst nicht jemand anderes WERDEN. Ihr müsst ein paar Dinge anders TUN. Heute probieren wir sie aus – ja, es wird sich zweimal albern anfühlen, ihr kennt die Regel."

Phase 3 · Input (Minute 12–26)

3a · See it: Die Vier-Varianten-Demo (Min. 12–17)

Moderation spricht denselben Satz („Bücher zu. Stifte weg. Blick zu mir.") in vier Varianten, TN notieren nach jeder ein Wirkungswort:

  1. Im Gehen, nebenbei Blätter sortierend, schnell.
  2. Stehend, aber mit 30 Wörtern Verpackung drumherum („Also, ähm, wenn ihr jetzt vielleicht mal langsam…").
  3. Stehend, knapp, aber mit hochgezogener, fragender Satzmelodie am Ende.
  4. Fester Stand, 2 Sekunden Pause davor, ruhig, tief, Satzenden fallen ab, danach Stille.

Auswertung: Wirkungswörter sammeln (typisch: 1 = „gehetzt/unwichtig", 2 = „unsicher", 3 = „bittend", 4 = „klar/gilt"). „Merkt euch: Variante 4 war nicht lauter. Sie war langsamer, stiller und tiefer. Autorität ist fast nie Lautstärke – Lautstärke ist meistens ihr Ersatz."

3b · Die vier Stellschrauben (Min. 17–23)

„Erstens: Stillstand. Wichtige Ansagen im festen Stand, Füße geerdet, Hände ruhig – kein Nebenbei-Laufen, kein Material-Sortieren. Bewegung sagt ‚nebenbei', Stillstand sagt ‚jetzt'. Im Englischen heißt das square up: Schultern zur Klasse, voll zugewandt. Zweitens: Register. Ihr habt zwei Sprechmodi, und der Wechsel ist das Werkzeug. Das formale Register für Anweisungen: ruhig, eher tief, wenige Worte, Pausen, Satzenden fallen ab – eine Aussage, keine Bitte. Das warme Register für Gespräch, Erklärung, Lob: beweglicher, heller, näher. Wer immer warm spricht, dem fehlt der Schalter für Ernst; wer immer formal spricht, wird zur Maschine. Der WECHSEL macht beides bedeutsam. Zwischenstopp, und das ist die wichtigste Anwendung des Registers: Warm/Strict. Der verbreitetste Irrtum im Lehrerzimmer ist das ODER – entweder man ist der Nette, oder man ist der Strenge. Lemovs Videos zeigen durchgehend das UND, gleichzeitig, im selben Satz: ‚Weil ich weiß, dass du das besser kannst, nehme ich das so nicht an.' Hört ihr beides? Der warme Ton trägt die formale Sache. Die Strenge ist die Verpackung des Zutrauens – ein Standard, den ich bei dir hochhalte, ist ein Kompliment; gesenkte Erwartungen sind die höflichste Form der Abwertung, und Jugendliche spüren das mit erschreckender Präzision. Praktisch: freundlicher Ton + unverhandelbare Sache; Erklärung des Warum + keine Debatte über das Ob; Konsequenz heute + Neuanfang morgen. Das Muster für eure Karte: „Weil [Zutrauen], [Standard]." Drittens: Wortzahl und Pausen – kennt ihr aus letzter Woche, heute die Körperseite: Die Pause VOR dem Satz erzeugt Aufmerksamkeit, die Pause DANACH erzeugt Verbindlichkeit. Wer sofort weiterredet, entwertet, was er gerade gesagt hat. Viertens: Emotionale Konstanz. Eure Klasse darf euch ärgern – sie darf es nur nicht MERKEN dürfen, dass es sie steuert. Ärger in der Stimme ist für eine Klasse ein Signal mit zwei Lesarten: ‚Es wird ernst' – oder, häufiger: ‚Wir haben einen Knopf gefunden.' Modell 4 aus dem Auftakt: Vor der Gruppe gelten Gruppengesetze; wer den Knopf kennt, drückt ihn. Konstanz heißt nicht Gefühllosigkeit – sie heißt: Die Reaktion ist berechenbar und professionell, der Ärger wird später und privat verarbeitet."

3c · Selbstregulation: der Reset-Anker (Min. 23–26)

„Bleibt die Frage: Wie bleibt man konstant, wenn innen der Puls auf 140 geht? Antwort: nicht durch Willenskraft im Moment, sondern durch einen VORBEREITETEN Mini-Ablauf – Lovell nennt das Selbstregulations-Routine. Drei Teile: ein Auslöser, den ihr kennt (‚freche Antwort vor der Klasse'), ein Körperanker (langsam ausatmen, Fersen im Boden spüren – dauert zwei Sekunden, sieht nach nichts aus), ein innerer Satz (‚Ruhig. Ich habe Zeit. Es ist nicht persönlich.'). Erst der Anker, dann die Reaktion. Zwei Sekunden Verzögerung sind kein Autoritätsverlust – sie SIND die Autorität."

Phase 4 · Name it (Minute 26–30)

Präsenz-Checkliste an der Tafel: Stand fest & zugewandt? · Hände ruhig? · Register bewusst gewählt? · Pause davor + danach? · Satzende unten? · Bei einer Anforderung: Wärme UND Sache hörbar (Warm/Strict)? · Bei Provokation: erst Anker, dann Reaktion?

Merksatz: „Erst der Körper, dann das Signal, dann die Worte – und bei Sturm: erst der Atem."

Phase 5 · Do it (Minute 30–52)

Runde 1 · Körper-Labor (Min. 30–41, Dreiergruppen)

Nach Handout A: Jeder spricht die Standard-Ansage in den 4 Varianten (bewusst auch die schlechten – Kontrast lehrt!), die zwei Beobachter geben NUR Wirkungs-Feedback aus dem Raster („wirkte auf mich: …"). Danach 2 freie Durchgänge nur in Variante 4, Feinschliff: Satzende, Pause, Stand. Registerwechsel-Übung: dieselbe Person spricht direkt hintereinander eine formale Ansage und ein warmes Lob – der hörbare Schalter ist das Lernziel. Warm/Strict-Sätze (3 Min.): Jeder formuliert für zwei reale eigene Situationen (fehlende Hausaufgaben eines fähigen Schülers; schludrige Abgabe einer starken Schülerin) je einen Satz nach dem Muster „Weil [Zutrauen], [Standard]." und spricht ihn laut – die Beobachter hören auf beides: Kam die Wärme UND die Unverhandelbarkeit an?

Runde 2 · Reset-Anker bauen & härten (Min. 41–52)

Ablauf:

  1. 4 Min. Einzelarbeit: Anker-Karte ausfüllen (Handout B).
  2. 8 Min. Härtetest in Dreiergruppen: Beobachter zieht Störkarte C und spielt die Provokation, die übende Person durchläuft sichtbar (!) ihren Anker und reagiert dann formal-ruhig; 3 Durchgänge pro Person, Provokation steigert sich leicht.

Feedback-Fokus: War die Reaktion konstant im Ton? Kam sie NACH dem Anker (nicht reflexhaft)? Optional: dritten Durchgang per Handy filmen, sofort selbst ansehen (30 Sek.), ein eigenes Aha notieren.

Phase 6 · Action Step (Minute 52–58)

Standard: „Vor jeder wichtigen Anweisung diese Woche: stehen bleiben, ausatmen, dann sprechen – und Satzenden bewusst nach unten. Ich notiere abends in einem Satz, wie es sich angefühlt hat."

Alternativen:

  1. Register-Tagebuch: täglich eine Situation notieren, in der bewusst gewechselt wurde; 1b. Warm/Strict-Woche: jede Anforderung an einen einzelnen Schüler bekommt einen „Weil …, …"-Satz;
  2. Anker-Woche: Reset-Anker bei jeder aufkommenden Gereiztheit einsetzen, Strichliste.

Ausblick: „Nächste Woche das Modul, auf das viele von euch seit dem Auftakt warten: Was tue ich konkret bei Störungen – die komplette Interventionsleiter, von der Augenbraue bis zur Konsequenz. Euer heutiges Werkzeug ist dafür die Grundierung: Ohne ruhigen Körper wirkt keine Stufe."

Phase 7 · Exit-Karte (Minute 58–60) — Standard.


4. Coaching-Woche 4 (Handreichung)


Anhang 1: Übungsmaterial

1.1 Handout A: Körper-Labor

Standard-Ansage: „Bücher zu. Stifte weg. Blick zu mir." Die 4 Varianten: ① gehend + nebenbei ② stehend + 30 Wörter Verpackung ③ stehend + fragende Melodie ④ Stand + Pause + ruhig/tief + Stille danach. Beobachtungsraster (nur ankreuzen/ein Wort): wirkte … gehetzt / unsicher / bittend / klar / drohend / gleichgültig. Zusatzbeobachtung: Wo waren die Hände? Wohin ging der Blick? Feedbackregel: Nur Wirkung („wirkte auf mich …"), keine Persönlichkeitsurteile. Nach dem Feedback: sofort ein Wiederholungsdurchgang.

1.2 Handout B: Reset-Anker-Karte (Format A7, zum Einstecken)

1.3 Störkarten-Set C: Provokationen (Regieanweisungen, Steigerung von C1 zu C3)


Anhang 2: Quiz-Material

Teil 1: Retrieval-Starter (Min. 2–8)

  1. Der Anweisungs-Vierercheck? (konkret, sequenziell, beobachtbar, ≤ 12 Wörter/Schritt)
  2. Warum nie gegen Unruhe sprechen? (adelt die Unruhe; Norm „zuhören optional")
  3. Teilschritt 3 der Begrüßungsroutine und seine Begründung? (Warten auf 100 % – sonst Norm „halbherzig reicht")
  4. Was ist Brighten the Lines? (scharfe Start-/Endsignale für Arbeitsphasen)
  5. (Anwendung) Formuliere ein Endsignal für eine Gruppenarbeit. (z. B. Signal + „Stopp – Stifte weg, Blick zu mir. Gruppensprecher bleiben gleich dran.")

Teil 2: Modul-Quiz Woche 4 (für SPA/Folgewoche)

F1. Autorität im Klassenzimmer ist vor allem… a) eine Frage der Persönlichkeit – man hat es oder nicht ✗ (DER Kernmythos, Bill-Rogers-Echo) b) trainierbares Verhalten: Stand, Register, Pausen, Konstanz ✓ c) eine Frage von Körpergröße und Lautstärke ✗ d) reine Erfahrungssache ✗

F2. Ein Schüler kommentiert dich laut und frech vor der Klasse. Erster Schritt: a) sofortige scharfe Erwiderung – Schwäche zeigen geht nicht ✗ (Reflex + Ehrgefühl) b) Anker (ausatmen), dann formal und kurz: Klärung nach der Stunde ✓ c) grundsätzlich ignorieren ✗ (Normalisierungs-Falle) d) die Klasse fragen, was sie davon hält ✗

F3. Deine Ansage endet stimmlich „oben" (wie eine Frage). Wirkung: a) freundlich und einladend – gut so ✗ (Höflichkeits-Verwechslung) b) sie klingt wie eine Bitte und wird verhandelbar ✓ c) keine – Melodie ist egal ✗ d) motivierend für Schüchterne ✗

F4. „Emotionale Konstanz" bedeutet: a) keine Gefühle zeigen, nie ✗ (Roboter-Strohmann) b) berechenbare, ruhige Reaktionen; Ärger wird nicht zum Steuerknopf der Klasse ✓ c) immer freundlich lächeln ✗ d) Störungen nicht ernst nehmen ✗

F5. Der Reset-Anker wirkt, weil… a) Atmen beruhigt eben ✗ (teilrichtig, aber nicht der Kern) b) ein VORBEREITETER Ablauf im Stressmoment abrufbar ist – Willenskraft allein ist es nicht ✓ c) die Klasse ihn sieht und sich fürchtet ✗ d) er Zeit schindet ✗

F6 (Transfer, Freitext): Beschreibe deine Reaktion auf C3 („Das bringt doch eh nichts!") in vier Schritten – Körper, innerer Satz, Wortlaut, Nachbereitung. (Muster: Fersen/Ausatmen → „Nicht persönlich" → formal: „Das klären wir nach der Stunde. Jetzt: Aufgabe 2." → W.I.N.-Gespräch nach der Stunde, Vorfall ggf. notieren.)


Anhang 3: Ableitung für die SPA „Modul 4"

  1. Hook (2 Min.): Vier Audio-Aufnahmen derselben Ansage (die 4 Varianten) – Nutzer ordnet Wirkungswörter zu, App löst auf: „Variante 4 war die leiseste."
  2. See it (5 Min.): Video-Kontrastpaar oder animierte Figur (Stand/Gehen, Pausenbalken sichtbar als Timeline); Registerwechsel als hörbares Beispielpaar.
  3. Name it (3 Min.): Präsenz-Checkliste als Karten; Zuordnungsspiel Audio → verletzte Stellschraube.
  4. Do it – Selbstaufnahme-Übung (8 Min., Kern!): App fordert auf, die Standard-Ansage 2× aufzunehmen (Variante nach Wahl vs. Variante 4); Selbst-Analyse mit Checkliste (optional: automatische Sprechtempo-/Pausenanzeige, falls technisch machbar; sonst geführte Selbstbewertung). Datenschutz: Aufnahme bleibt lokal.
  5. Reset-Anker-Builder: Die 4 Kartenfelder digital; Export als Sperrbildschirm-Bild/Karte.
  6. Szenario-Simulator: C1–C3 als eskalierender Entscheidungsbaum; Verzweigungslogik belohnt „Anker vor Reaktion" und „kurz + formal + vertagen".
  7. Quiz (Teil 2) + 30 % Altfragen (Module 1–4). Abschluss: Action-Step-Formular mit Abend-Journal-Feld (1 Satz/Tag).