Skript Woche 6: „Positive Framing & Precise Praise"
60-Minuten-Sitzung · Block 1 · Fortbildung Quereinsteiger Sek I/II
1. Überblick
| Leitfrage | Wie korrigiere ich so, dass die Beziehung wächst statt leidet? |
| Kernquellen | Lemov T59 (Positive Framing), T60 (Precise Praise); Lovell/Dowley, Prinzip 10 („Bank positivity"); Warm/Strict (T61) ist bereits in W4 als Registeranwendung eingeführt und wird hier nur abgerufen |
| Funktion im Jahr | Die Sprach-Schicht über der Interventionsleiter (W5): Stufen 2–3 werden hier zur Kunstform. Legt das Fundament der Fehlerkultur (W20) und der Beziehungsarbeit (W28). Precise Praise wird in W24 (Show Call) und W35 (Zertifikatsübergabe!) wieder gebraucht. |
| Lernziele | Die TN können: 1. Korrekturen positiv rahmen (Zielzustand statt Fehlverhalten benennen), 2. das 3:1-Verhältnis als Beziehungs-Ökonomie begründen und umsetzen, 3. präzise loben (konkret, verdient, prozessbezogen) und Anerkennung von Lob unterscheiden. |
| Sitzungstyp | Sprach-Training mit Tempo-Übungen (Automatisierung ist das Ziel – die Umformulierung muss schneller werden als der Ärger-Reflex). Zwei Werkzeuge statt drei, dafür doppelt so viele Wiederholungen pro Werkzeug. |
2. Vorbereitung
Raum: Tandems an Tischen; Timer prominent. Material:
- Retrieval-Quiz liegt aus
- Umformulierungs-Kartenset: 10 Negativ-Ansagen (Anhang 1.1), pro Tandem ein Set
- Handout A: Die drei Sprachwerkzeuge mit Formeln (Anhang 1.2)
- 2–3 anonymisierte Schülerarbeiten (real, vom Coach besorgt) für die Lob-Übung
- Strichlisten-Kärtchen fürs Pult (3:1-Zähler, Anhang 1.3) – kleines Giveaway, erhöht Umsetzungsquote spürbar
3. Ablauf im Detail (60 Minuten)
Phase 0 · Ankommen (Minute 0–2) — Standard.
Phase 1 · Retrieval-Starter (Minute 2–8) — 5 Fragen (Anhang 2, Teil 1).
Phase 2 · Brücke & das Konto (Minute 8–13)
Moderationstext: „Stufen-Woche: Wer hat gezählt – wie oft hat Stufe 1 gereicht?" [2 Zahlen einsammeln; typisch: „öfter als gedacht" – würdigen.] „Und jetzt eine Frage an eure Bank. Nicht die mit dem Geld – die mit der Beziehung. Stellt euch vor, jede Interaktion mit einem Schüler ist eine Buchung: Anerkennung, echtes Interesse, Lob = Einzahlung. Korrektur, Ermahnung, Konsequenz = Abhebung. Jetzt die unbequeme Frage: Bei eurem anstrengendsten Schüler – wie ist der Kontostand? … Eben. Bei vielen ist das Konto tiefrot, weil seit Wochen nur abgehoben wird. Und von einem roten Konto kann man nichts mehr abheben: Jede weitere Korrektur wird als Angriff verbucht, nicht als Führung. Lovell nennt das Prinzip ‚Bank positivity': Wer korrigieren können will – und ihr MÜSST korrigieren können, Woche 5 –, der braucht Guthaben. Heute lernt ihr die drei Einzahlungs-Werkzeuge. Und das Beste: Das erste davon ist gar kein Extra-Aufwand – es ist nur eine andere Grammatik für das, was ihr sowieso sagt."
Phase 3 · Input (Minute 13–28)
3a · See it: Das Grammatik-Wunder (Min. 13–19)
Tafel, zwei Spalten, Moderation spricht beide Versionen laut mit identischem (!) ruhigem Ton:
- Links: „Hört auf zu quatschen!" · „Warum arbeitet ihr da hinten schon wieder nicht?" · „Immer muss ich alles dreimal sagen!"
- Rechts: „Ich sehe fast alle Hefte offen – ich will alle sehen." · „Zwei Tische fehlen noch – ihr wisst, was zu tun ist." · „Ihr habt vergessen, dass wir im Flüsterton arbeiten – ab jetzt wieder."
„Gleicher Ton, gleiche Länge, gleiches Ziel. Aber die linke Spalte beschreibt das Fehlverhalten – und macht es damit zur sichtbaren Norm: ‚Hier wird gequatscht, hier muss man alles dreimal sagen.' Modell 4 lässt grüßen. Die rechte Spalte beschreibt den ZIELZUSTAND und die erfüllende Mehrheit – und unterstellt nebenbei Gutwilligkeit: ‚Ihr habt vergessen' statt ‚Ihr weigert euch'. Lemov nennt das Positive Framing, und die Formel ist simpel: Ich sehe [den erfüllenden Teil] – ich will [den Zielzustand]. Dazu die Regel: anonym korrigieren, namentlich loben – nie umgekehrt."
3b · Precise Praise & die Lob-Inflation (Min. 19–28)
„Zweites Werkzeug: Lob – aber richtig, denn falsches Lob ist keine Einzahlung, sondern Falschgeld. Drei Prüfsteine: konkret (was genau war gut?), verdient (über dem Grundstandard – wer das bloße Erfüllen einer Anweisung bejubelt, erklärt es zur Ausnahme; dafür gibt es Anerkennung: ein ‚Danke', ein Nicken), prozessbezogen (das Vorgehen loben, nicht die Person: ‚Du hast die Probe gemacht, BEVOR du abgegeben hast – das ist der Unterschied' statt ‚Du bist so schlau'). Warum Prozess? Weil Personen-Lob bei der nächsten schweren Aufgabe zur Hypothek wird – wer für Schlausein gelobt wurde, riskiert beim Fehler seine Identität. Wer für die Probe gelobt wurde, macht wieder eine Probe. Und begrabt bitte heute das Lobsandwich – Lob, Kritik, Lob. Schüler durchschauen es nach dem zweiten Mal, und dann habt ihr etwas Schlimmes erreicht: Jedes eurer Lobe wird als Vorbote einer Kritik gehört. Ihr habt Lob vergiftet. Kritik verdient einen eigenen, ehrlichen, freundlichen Satz – kein Brötchen."
Und ein Rückruf, bevor wir üben: In Woche 4 habt ihr Warm/Strict gelernt – warmer Ton, unverhandelbare Sache, in einem Satz. Das ist der Register-Zwilling von heute: Positive Framing ist die Grammatik der Gruppenansprache, Warm/Strict die Grammatik der Einzelansprache. Zusammen sind sie euer komplettes Korrektur-Besteck. Wer mag, prüft heute Abend seine Warm/Strict-Sätze aus Woche 4 noch einmal gegen die Formel von eben."
Phase 4 · Name it (Minute 28–32)
Handout A austeilen, zwei Formeln fixieren: Umformulierungs-Formel „Ich sehe [erfüllender Teil] – ich will [Zielzustand]" (+ Annahme des Guten: „Ihr habt vergessen…"). Lob-Dreiklang konkret · verdient · Prozess (und: Anerkennung ≠ Lob). Dazu die Ökonomie-Regel: 3:1 – drei Einzahlungen pro Abhebung, gezählt, nicht gefühlt. Als dritte Zeile nur als Erinnerung notiert: Warm/Strict „Weil [Zutrauen], [Standard]." (W4).
Phase 5 · Do it (Minute 32–52)
Runde 1 · Umformulierungs-Batterie mit Timer (Min. 32–44)
Tandems, Kartenset (Anhang 1.1): Partner A zieht und liest die Negativ-Ansage, Partner B formuliert sie LAUT und sofort um – 60 Sekunden, so viele Karten wie möglich; dann Wechsel; dann zwei weitere Durchgänge (Rekordjagd – Tempo automatisiert; genau dafür ist heute Zeit, weil das dritte Werkzeug in Woche 4 erledigt wurde). Moderation ruft zwischendurch die Qualitätsbremse aus: „Tempo zählt nur, wenn die Formel stimmt – Partner prüft: erfüllender Teil? Zielzustand? Kein verstecktes ‚endlich' oder ‚schon wieder'?"
Runde 2 · Precise-Praise-Werkstatt (Min. 44–52)
An den echten Schülerarbeiten: Jeder schreibt zu zwei Arbeiten je zwei präzise Lobsätze (einen zum Ergebnis, einen zum erkennbaren Vorgehen); Tandem-Kitschkontrolle mit dem Dreiklang – „super gemacht", „toll", „schön" werden gestrichen und ersetzt. Anschließend spricht jeder seine zwei stärksten Sätze laut (Lob wirkt gesprochen anders als geschrieben – und gesprochen werdet ihr es meistens).
Phase 6 · Action Step (Minute 52–58)
Standard: „3:1 – auf jede Korrektur kommen drei konkrete positive Rückmeldungen. Ich zähle in EINER Stunde pro Tag ehrlich mit (Strichlisten-Kärtchen auf dem Pult) und notiere freitags meinen besten Tages-Quotienten."
Alternativen:
- Annahme-des-Guten-Woche: jede Korrektur beginnt mit „Ihr habt vergessen…"/„Ich glaube, ihr habt überhört…".
- Für Vielkritiker (Coach-Wissen): Lob-Quote nur beim anstrengendsten Schüler – ein verdientes, präzises Lob pro Tag, gezielt gesucht.
Ausblick: „Nächste Woche schließen wir Block 1: Übergänge, das Stundenende – und das Werkzeug für danach: das strukturierte Nachgespräch mit dem Schüler, dem ihr am liebsten aus dem Weg geht. Plus: euer erster Meilenstein mit Video-Selbstanalyse. Bringt euer Playbook mit – es bekommt sein Deckblatt."
Phase 7 · Exit-Karte (Minute 58–60) — Standard.
4. Coaching-Woche 6 (Handreichung)
- Hospitationsfokus: Sprach-Protokoll: 10 Minuten lang jede Korrektur und jede positive Rückmeldung wörtlich mitschreiben; anschließend Quotient bilden.
- Auswertungsgespräch: Protokoll vorlegen, TN selbst zählen lassen (Selbsterkenntnis schlägt Vorhaltung); die zwei „negativsten" Sätze gemeinsam umformulieren und 2× laut sprechen. Würdigen, was schon positiv gerahmt war – mit einem präzisen Lob (Meta-Vorbild!).
- Typische Baustelle: verstecktes Gift in Umformulierungen („SCHÖN, dass jetzt auch die letzten…") → Ironie-Verbot besprechen: Ironie ist eine Abhebung im Einzahlungs-Kostüm.
- Red Flag: TN, denen positives Sprechen „unehrlich" vorkommt → klären: Es geht nicht um Schönfärben, sondern um die Beschreibung des wahren erfüllenden Teils; wenn NICHTS Wahres Positives da ist, ist das ein W1-Problem (Erwartungen zu vage, um erfüllt zu werden) – dorthin zurück.
Anhang 1: Übungsmaterial
1.1 Umformulierungs-Kartenset (10 Karten; Musterlösungen kursiv – für Moderation/SPA)
- „Hört auf zu quatschen!" → „Ich höre fast nur Stifte – ich will nur Stifte hören."
- „Warum seid ihr immer noch nicht fertig?" → „Die meisten sind bei Aufgabe 3 – noch zwei Minuten, dann vergleichen wir."
- „Immer kommst du zu spät!" → „Morgen sehe ich dich um 8:00 an deinem Platz – ich weiß, dass du das kannst." (+ privat, Stufe 4!)
- „Nicht abschreiben!" → „Eigene Lösung, eigenes Heft – ich will DEINEN Denkweg sehen."
- „Schon wieder keine Hausaufgaben, Klasse 8b!" → „Über die Hälfte hat die Hausaufgaben dabei – von den anderen sehe ich sie morgen. Ihr wisst, dass ich nachhalte." (nur wenn wahr!)
- „Du hörst mir nie zu." → „Blick zu mir, Emre – dieser Teil betrifft dich direkt."
- „Das ist doch viel zu laut hier!" → „Flüsterlautstärke – nur euer Tisch hört euch."
- „Wer jetzt nicht fertig wird, hat Pech gehabt." → „Noch drei Minuten – schreibt den Satz zu Ende, an dem ihr gerade seid."
- „Räumt endlich mal richtig auf!" → „Erstens Scheren in die Kiste, zweitens Tisch leer – zwei Tische sind schon fertig."
- „Musst du schon wieder dazwischenrufen?" → „Hand heben, warten, drankommen – du weißt, wie es geht, und deine Idee will ich hören."
1.2 Handout A: Die zwei Sprachwerkzeuge (+ Erinnerung)
Positive Framing: „Ich sehe [erfüllender Teil] – ich will [Zielzustand]." · Annahme des Guten: „Ihr habt vergessen…" · anonym korrigieren, namentlich loben · Ironie-Verbot. Precise Praise: konkret · verdient (sonst: Anerkennung/„Danke") · prozessbezogen. Kein Lobsandwich. Ökonomie: 3:1, gezählt. Erinnerung aus Woche 4 – Warm/Strict: „Weil [Zutrauen], [Standard]." · freundlicher Ton + unverhandelbare Sache · Konsequenz heute + Neuanfang morgen.
1.3 Strichlisten-Kärtchen (Pult-Format)
Zwei Spalten: „+ (Anerkennung/Lob, konkret)" | „– (Korrektur)". Fußzeile: „Ziel: 3:1 · Ironie zählt als –".
Anhang 2: Quiz-Material
Teil 1: Retrieval-Starter (Min. 2–8)
- Die 6 Leiterstufen in Reihenfolge? (nonverbal / pos. Gruppenkorrektur / anonyme Einzelkorrektur / private Einzelkorrektur / Blitz öffentlich / Konsequenz)
- Die Einstiegsregel der Stufenwahl? (so niedrig, so kurz, so privat wie möglich – zurück zum Stoff)
- Wo stehst du bei Stillarbeit und warum? (Radar-Punkt, alle im Blick, Rücken zur Wand)
- Registerwechsel: wann formal, wann warm? (Anweisung/Korrektur formal; Gespräch/Erklärung/Lob warm)
- (Anwendung) Formuliere eine positive Gruppenkorrektur für „fünf arbeiten nicht". (z. B. „Ich sehe die meisten Stifte laufen – ich will alle sehen.")
Teil 2: Modul-Quiz Woche 6 (für SPA/Folgewoche)
F1. Warum kein Lobsandwich? a) Es kostet zu viel Zeit ✗ b) Es vergiftet Lob: Jedes Lob wird zum Vorboten von Kritik ✓ c) Lob ist grundsätzlich schädlich ✗ (Überkorrektur) d) Kritik gehört sich nicht ✗
F2. „Super gemacht!" zur bloß erledigten Routineaufgabe ist… a) motivierend – Lob schadet nie ✗ (DER Kernmythos) b) Lob-Inflation – Anerkennung („Danke") hätte gereicht ✓ c) in Ordnung bei schwachen SuS ✗ (gut gemeinte Abwertung!) d) manipulativ ✗
F3. „Du bist einfach ein Naturtalent in Deutsch!" – Risiko? a) keins, Persönlichkeitsstärkung ✗ b) Personen-Lob wird bei der nächsten schweren Aufgabe zur Identitäts-Hypothek ✓ c) andere werden neidisch ✗ (teilrichtig, nicht der Kern) d) Eltern beschweren sich ✗
F4. „SCHÖN, dass jetzt auch die Letzten ihr Buch gefunden haben" ist… a) Positive Framing ✗ (die Tarnung!) b) Ironie – eine Abhebung im Einzahlungs-Kostüm ✓ c) präzises Lob ✗ d) neutral ✗
F5 (🔁 Auffrischung W4). Warm/Strict bedeutet: a) mal warm, mal streng – je nach Tagesform abwechseln ✗ (das ODER) b) gleichzeitig: hoher Standard als Ausdruck von Zutrauen ✓ c) streng zu Jungen, warm zu Mädchen ✗ d) streng im Unterricht, warm in der Pause ✗ (plausibel klingende Trennung)
F6 (Transfer, Freitext): Ein leistungsstarker Schüler gibt eine hingeschluderte Arbeit ab. Formuliere deine Rückmeldung als Warm/Strict-Satz plus einen präzisen Prozess-Hinweis. (Muster: „Weil ich weiß, was du kannst, nehme ich das so nicht an – bis morgen mit Proberechnung. Dein Ansatz in Aufgabe 2 war übrigens der eleganteste im Kurs: DEN will ich sauber ausgeführt sehen.")
Anhang 3: Ableitung für die SPA „Modul 6"
- Hook (2 Min.): Das Beziehungskonto als interaktive Grafik – Nutzer schätzt den Kontostand beim eigenen anstrengendsten Schüler (Slider), App zeigt die 3:1-Logik.
- See it (4 Min.): Die Zwei-Spalten-Tafel als Audio (identischer Ton!) – Aufgabe: „Welche Version macht welches Verhalten zur Norm?"
- Name it (3 Min.): Drei Formel-Karten; Zuordnungsspiel: 9 Lehrersätze → Framing / Lob / Warm-Strict / Ironie-Falle / Lobsandwich.
- Do it – Umformulierungs-Trainer mit Timer (7 Min., Gamification-Kern!): Kartenset aus Anhang 1.1 als Level; 60-Sekunden-Modus mit Highscore; Freitext-Eingabe wird gegen Formel-Heuristik geprüft (erfüllender Teil? Zielzustand? Giftwörter „endlich/schon wieder/immer" = Abzug).
- Lob-Qualitäts-Check: Lob eintippen → Dreiklang-Ampel (konkret? verdient? Prozess?) mit Verbesserungsvorschlag; Kitsch-Wortliste hinterlegt.
- 3:1-Tracker (Tracker-Engine): digitale Strichliste je Stunde; Wochendiagramm; Erinnerung „Heute schon eingezahlt bei [Name des roten Kontos]?" (Name lokal gespeichert).
- Quiz (Teil 2) + 30 % Altfragen (Module 1–6); F2/F5 sind Langzeit-Anker. Abschluss: Action-Step-Formular mit Quotienten-Eingabe pro Tag.